120km Speikboden 2013

26.08.2013

Wenn man im August Urlaub plant, dann ist die Chance auf brauchbares Flugwetter zu treffen in der Regel relativ hoch. So wollten  Andi, Ralph, Bernhard und ich gemeinsam los, entweder nach Fiesch oder zum Speikboden. Da in der Schweiz Bise wehte war die Entscheidung klar. Bernhard war schon etwas früher unterwegs und trieb sein Unwesen an der Emberger Alm, gemeinsamer Treffpunkt für alle sollte dann Sand in Taufers werden. Leider schrumpfte die gute Prognose immer mehr zusammen und war es unklar, wieviele wirklich brauchbare Tage am Ende rausspringen würden, so verzichteten Andi und Ralph darauf extra Urlaub zu nehmen. So blieben Bernhard und ich übrig und wir trafen uns Dienstagabend am LP in Sand in Taufers.

Mittwochmorgen sah das Wetter gleich mal Bombe aus. War nur die Frage, ob der Nordwind ausreichend abgeflaut war, zu exponiert ist die Lage oben am Monte Spicco. Aus dem Sonnklarlift entstiegen war klar, hier oben weht gar kein Wind, super. Blauthermik war angesagt, schauen wir mal wie die Sache in der Luft aussieht. Die Menge an Fliegern war ziemlich überschaubar, vielleicht aufgrund der mittelprächtigen Wettervorhersage. Die Bedingungen sahen auf jeden Fall richtig gut aus. Um 11:45 Uhr gestartet war es nach der üblichen Querung noch arg zäh, Flachlandtaktik, kleinstes Steigen mitnehmen und erstmal nicht absaufen. Als dann endlich ein Bart richtig durchzug gings nach Westen auf der Standardroute weiter. Während Bernhard mehr draussen zur Talseite flog blieb ich immer über Grat und versuchte mich mehr von hinten Richtung Gitsch zu bewegen. Das alpine Gelände schien mir bei der noch schwächelnden  Thermik die zuverlässigere Variante zu sein. Und als ich beim Weiterflug immer mehr hinten rein flog kam mir spontan die Idee eines Routenwechsels. Die Sicht am Alpenhauptkamm war ohne Wolken in alle Richtungen frei und so bog ich nach Norden zum Hauptkamm ab.

SpeikBodenAug13a

Ziemlich alpines Gelände da hinten drin und immer mit einem Blick auf ein landbares Stück Tal im Auge tastete ich mich zum Hauptkamm vor und wollte diesem dann Richtung Nordosten ins Ahrntal folgen. Den Nevesstausee querend gings dann los. Bernhard hatte ich aus den Augen verloren, der war Richtung Gitsch unterwegs und nicht mehr zu sehen. Die Thermik im hochalpinen Gelände war mittlerweile sehr zuverlässig und es war eine Freude in der Luft zu sein. Alle Zweifel der Wetterprognosen waren ausgeräumt, der Tag war richtig gut. Im Ahrntal flog ich von Rippe zu Rippe, immer mehr Höhe machend und mich den Gipfeln des Hauptkamm nähernd. Mit 3400m war ich irgendwann drüber, und was sich da bot war einfach nur atemberaubend.

Bei guter Fernsicht Blick nach Norden durchs Zilluptal ins Zillertal und darüber hinaus. Ich musste sofort an Mayer denken, der vor 2 Wochen sich dieser Stelle vom Zillertal aus genähert hatte und mit seinem Icepeak6 einen Steinwurf entfernt auf der Nordseite war und freien Blick nach Süden hatte. Beim Blick nach Norden konnte man sehen, dass die Basis in den Nordalpen viel tiefer war. Am Hauptkamm konnte man von oben große Schneefelder und auch viele kleinere Gletscher sehen. Dazu kam, dass ich auf der Route völlig allein war, kein Flieger war weit und breit in der Nähe. Als ich hoch genug war wagte ich einen Überflug auf die Alpennordseite. Ich habs mit Google Earth mal ausgemessen, 350 m war ich über den Hauptkamm nach Norden. Ich bin dann recht flott wieder auf die Südseite, nicht auszudenken man verfehlt den richtigen Moment, dann hat man nach Landung die nächsten 5 Std. was zu tun auf dem normalen Verkehrsweg zurückzukommen.

SpeikBodenAug13b

Auf dem Rückweg die selbe Route genommen, es war mittlerweile 15:30 Uhr, und die Thermik im hochalpinen Gelände war ein Traum. Die Bärte zogen kräftig aber nicht turbulent durch, der Rückweg war ein Kinderspiel. Das ist das, was ich im Flachland am meisten vermisse, diese zuverlässigen Thermikstellen. Man weiss, wenn man dahin fliegt dann gehts auch sicher hoch. Das macht eine Route sehr planbar. Nach dem letzten Aufdrehen in meinem „sailing-home-Bart“ bin ich die letzten 14km ins Tauferer Tal abgeglitten und direkt vor der Pension gelandet. Bernhard angerufen, der ging auch dran, ich fliege noch, ok alles klar.

Als ich auf dem Weg nach Norden zum Nevesstausee war hat sich Bernhard zum Gitsch gehangelt, noch 2 weitere Berge nach Westen mitgenommen und ist dann umgedreht. Er ist dann ebenfalls ins Ahrntal abgebogen, allerdings auf der südlichen Seite. Exakt auf der Höhe, auf der ich mich auf der anderen Seite befand hat er den Heimweg angetreten und ist nach 5,5 Std. und 90km ebenfalls gelandet. Ein schöner Flugtag mit aussergewöhnlichen Erlebnissen.

Eingeflogen waren wir, der gut vorhergesagte Donnerstag konnte also kommen. Morgens haben wir Routenplanung gemacht und Flüge studiert. Projekt 100km. Ich wollte endlich mal über Sterzing queren, das hatte ich mir im vornherein vorgenommen. Sollten die Bedingungen passen war das der Plan. Da wir keinen Funk dabei hatten war der Plan wie folgt: Gelingt es uns an der letzten Thermikstelle vor Sterzing auf eine Abflughöhe von mindestens 2900m zu kommen, dann gehen wir die Querung an. Im Gegensatz zum Vortag stellte sich Wolkenthermik ein und es ging flott auf der Standardroute Richtung Gitsch. Und wie es so ist, wenns gut läuft wird man schonmal übermütig, und so bin ich am Grat entlang einmal recht tief in einen Kessel reingeflogen wo auf die Schnelle nix zu finden war. Dann hab ich mich an einer Querrippe nach vorn gen Pustertal gehangelt, wo ich zum Glück wieder aufdrehen konnte. Am Gitsch haben Bernhard und ich uns dann wieder getroffen. Deutlich vor Sterzing dann die Schlüsselstelle, Thermik war zuverlässig, was gibt die Basishöhe her? 2900m konnten wir aufdrehen und dann gings los. Ca. 9km Gleitstrecke bis zum Fuße des Roßkopf. 15 Min. die einem wie eine Ewigkeit vorkommen, die Querung will kein Ende nehmen. Die Höhe schmilzt wie Butter in der Sonne, im Halbgas stehend immer den Gleitwinkel im Auge und mit dem Gas spielend das geringste Sinken austarieren.

Immer tiefer kommend sehe ich, dass wir an dem bewaldeten Stück am Fuß des Roßkopf auf 1450m ankommen, aber ich hab Zweifel ob es da wirklich thermisch ist. 1500m haben wir bei Ankunft verballert. Sekt oder Selters, Flug hier nach 40km beendet oder nicht? Ich gehe raus aus dem Gas, hangele mich ein paar Meter den Hang entlang und tatsächlich, das Vario fängt an zu piepsen. 1 m Steigen, das reicht, umgedreht, eingedreht und Höhe gemacht. Welch ein Glücksgefühl. Mit 3m steigt der Bart äusserst zuverlässig und ich habe das erste Mal das Gefühl, heute könnte was Großes gehen. 600m höher fliege ich sofort oben vor den Grat wo es weiter zuverlässig nach oben geht. Die Ridge ist der Knaller. 10km gehts im Geradeausflug mit 3-4,5m Steigen 10km die Ridge entlang. Als Wendepunkt für die 100km hatten wir den Largo del forno, ein See tief hinten drin gesetzt. Ich bin noch 2km weiter zur Agglsspitze, ich wollte unbedingt dahinter nach Norden schauen. Man sieht die markante Bergketten des Inntals bei Innsbruck und mit Blick zur linken nach Westen zum Wilden Freiger. Das beeindruckenste ist allerdings der Übeltalferner Gletscher, Südtirols größter Gletscher mit seiner Gletscherzunge, dem Ebenferner, und das alles in Greifweite. Ich kann nur sagen, gigantisch.

SpeikBodenAug13c

Im Geradeausflug gehts die Ridge wieder zurück, ich traue micht nicht zu beschleunigen, es steigt die ganze Zeit. Aber jetzt kommt erneut die lange Querung, aber völlig problemlos. Mit 3000m können wir abfliegen, der Mentor nimmt Fahrt auf und hinter Sterzing können wir gleich wieder aufdrehen. Mittlerweile ist die Thermik so gut, dass ich mich nirgends mehr lange aufhalte, es reicht völlig aus gezielte Thermikstellen anzufliegen, es geht wie die Wutz. Brauchten wir bis zum WP noch 3 Stunden, so gelingt der Rückweg in 1 Std. 45Min. Ich mache die letzte Querung rüber zum Speikboden und fliege über Sand nach Ahornach. Ein großes Glücksgefühl macht sich breit, der Hunni ist in jedem Fall geschafft. Ich drehe eine Extrarunde über Ahornach und fliege zum Schliessen der Aufgabe nochmal Richtung Speikboden, und gleite dann zum LP ins Tal.  5 Stunden 20 Min. und 120 km flaches Dreieck, juchhuuu! Bernhard hat am Speikboden nochmal aufgedreht und ist ein Stück ins Ahrntal reingeflogen, 6 Std. 12Min. Flug und 134 km, nicht schlecht für den alten Thermikverweigerer.

Am Freitag waren Bernhard und ich völlig allein in der Luft. Es war im mittleren Stockwerk bewölkt, und im unteren bildeten sich Cumuluswolken. 2,5 Std. fliegen auf 3000m und kondensierende Luft um sich herum beobachten, den Luftraum für sich, das hat auch Spass gemacht. Kurz nach dem Landen fings an zu regnen, den Rest des Tages im tollen Hallenbad am LP relaxt. Am Samstag sah das Wetter dann wieder richtig dufte aus. Ein 400km breites Zwischenhoch vor der anrückenden Kaltfront aus Westen wollte genutzt werden.

Nach Start gings gleich hoch, die Thermik war klasse, noch keinen Tag waren wir so schnell an der Basis und auf dem Weg zur Querung. Hoch angekommen gleich in den nächsten Bart eingestiegen, und dann….? Dann wars plötzlich wie abgeschaltet. Die Bärte wollten nicht mehr richtig durchziehen, nix war mehr gescheit zu zentrieren, nach 1,5 Std. sind wir und die anderen Piloten abgesoffen. Zu erklären war das für mich nicht, aber wir haben es gelassen genommen. Wir haben den Tag mit Eisschlecken und wandern am Nevesstausee verbracht. Man wird entspannter, wenn man die Tage zuvor schon gut geflogen ist.

Sonntag war dann Abreisetag, ich bin gleich morgens um 5:45 Uhr abgedüst, da hat Bernhard nochmal die Decke über den Kopf gezogen. 9 Std. 20Min, wovon es 8 Std. dauergeregnet hat. Monte Spicco, ich weiss warum du mein Lieblingsfluggebiet bist…auf bald.

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